Reiseangebote AGB Wir über uns Visa Kontakt Links Reiseberichte Impressum
Glück im Unglück
Endlich gibt es wieder eine Chance auf Urlaub, einen langen Winter hat sich das Fernweh aufgestaut! Im Juni nach Georgien - wenn auch nur für eine Woche - Wandern im Kaukasus, dem äußersten Südosten Europas. Den Kaukasus teilen sich - außer Russland und den bekannten "größeren" Ländern Georgien und Armenien zahlreiche Klein - und Kleinststaaten mit einem äußerst verzahnten und diffizilen Mix separater Völkerschaften. 45 Verschiedene Sprachen auf einem Gebiet nicht größer als die Bundesrepublik! Obwohl östlich der Türkei und nahe an Persien gelegen, steht im Kaukasus – bei uns kaum bekannt - der höchste Berg Europas, der Elbrus mit 5.600 Metern. Tomislav und ich treten als bewährtes Gespann die Reise an. Tom ist Sammler und Experte für antike Teppiche und moderne Kunst. Er hat die Region unter diesen Blickwinkeln schon zweimal besucht und Kontakte geknüpft. Es gibt einen Nachtflug ab Köln-Bonn, und morgens 5 Uhr Ortszeit landen wir in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Am Airport erwartet uns Heiner, ein Deutschlehrer, der in verschiedenen östlichen Ländern unterrichtet hat und der hier seine Frau und seine Heimat gefunden hat. Heiner ist jetzt unser Reiseleiter. - Koffer ins Auto und ab zu einer bereitgestellten Etage in der Altstadt, wo wir unter aufgehender Sonne, singenden Vögeln und lärmenden Schulkindern noch einmal in Schlaf verfallen.
Früh nachmittags klingelt es, Chatia kommt. Chatia ist charmant und entzückend, gerade fertige Studentin mit Magister in Deutsch und 22 Jahre alt. Sie begleitet uns in der Stadt, erklärt Kirchen und Bauwerke, Historie und Kultur ihres Landes. Georgien wurde sehr früh christianisiert - 500 Jahre früher als Deutschland und hat seine eigene, georgisch-orthodoxe Kirche. - Im 20. Jahrhundert war Georgien Bestandteil der Sowjetunion.
Wir besuchen viele Kirchen, atmen von Weihrauch und Honigwachs geschwängerte Luft, betrachten die Ikonen und das Kommen und Gehen der Gläubigen. Der Photograph ist glücklich und in seinem Element, ständig klickt der Verschluss. Zu allen Zeiten haben die schönen Künste, namentlich Literatur und Theater eine herausragende Rolle im kulturellen Leben des Landes gespielt. Chatia erklärt uns alles liebenswürdig, dolmetscht und begleitet uns abends ins Restaurant.
Zwei Tage später übernimmt Heiner - jetzt geht ans Gröbere, Aufstieg in den Kaukasus ist geplant. Zuerst eine Fahrt über Land, kurzes Etappenziel ist Lavra, ein altes Höhlenkloster in der Halbwüste David Garedschi des Mittellandes. Dieses Jahr dauert das Frühjahr überlang an, es ist trotz Ende Juni noch nicht Hochsommer geworden. So erleben wir angenehme 26 Grad und eine märchenhafte grün beflaumte baumlose Hügellandschaft. Einen krassen Kontrast zur schönen Landschaft bilden immer wieder Industrieruinen aus der Sowjetzeit, die verstreut über Stadt und Land den Weg säumen: verwaiste Tankstellen, aufgegebene Landbetriebe und Manufakturen, sogar Industrieanlagen bis zum Stahlkombinat. Veraltet, unrentabel geworden und nicht mehr marktfähig stehen diese Bauwerke aller verwertbaren Teile beraubt wie nach Kriegseinwirkung als skurrile Monumente in der Landschaft. Heiner erweist sich als souveräner und angenehm leidenschaftsloser Fahrer, der sich weder durch endlose Buckelpisten noch durch das einheimische Verkehrschaos aus der Ruhe bringen lässt.
Abends erreichen wir das letzte Dorf am Kaukasusfuß, Abendessen und Übernachtung bei einer netten verwandten Familie sind organisiert. Der Hausherr bringt während des stundenlangen Essens zahlreichen Toasts aus; zu jedem muss so getrunken werden, wie er es vormacht. Das ist georgische Tradition beim Festessen - und ein solches ist immer, wenn Gäste kommen: der älteste oder ehrenwerteste Mann der Runde bekommt die Rolle des Tamada zugerschrieben: dieser gibt die Trinksprüche aus, die es anzuhören (und in unserem Fall zu übersetzen) gilt, darauf darf jeder einstimmen oder erwidern. Dann wird der Wein genippt oder gekippt, genau so wie es der Tamada vormacht. Auf die Liebe, auf das Vaterland, die Frauen und die Freundschaft muss immer Ex getrunken werden. - Natürlich macht "Die Freundschaft zwischen uns, Georgien und Deutschland" den Anfang. Ex. Dann geht es weiter mit "Auf die, die in die Berge gehen!" Dann "Auf die, die aus den Bergen nicht zurück gekehrt sind!" - Wirkt etwas mulmig auf uns, bedeutet aber gottseidank nicht Ex-trinken. So geht es weiter, der Wein mundet allezeit wirklich exzellent. Trotzdem versuche ich zu pfuschen, trinke nicht aus und postiere mein halbvolles Glas in Deckung hinter einen überbordenden Salatteller. Ich werde streng beobachtet, kann mich aber schonmal herausreden, weil Pawel, unser einheimischer Pferdeführer auch nicht leer trinkt.
Mein nächtlicher Weg zum außerhäusigen Waschraum im Garten weicht weit von der Ideallinie ab, trotzdem folgt ein köstlicher Schlaf und ein Erwachen ganz ohne Kopfdruck. Unser Gastgeber hat das nationale Ziel, dass der Gast betrunkener als der Hausherr zu sein hat, nicht geschafft, dennoch erhalte ich morgens Anerkennung für meine Tapferkeit beim Trinken.Heute soll es also losgehen für vier Tage in die Berge. Den ganzen Morgen regnet es, wir suchen durch ein opulentes Frühstück Zeit zu gewinnen. Vier Pferde stehen bereit, um den Pferdeführer, Heiner und uns zwei samt Zelten und Verpflegung in die Berge zu tragen. Wegen des ungastlichen Wetters zaudern wir bis elf Uhr, ehe wir endlich lostraben. Aus dem Tal, durch das wir ins Gebirge eindringen wollen, quellen uns Walzen düsterer Regenwolken entgegen.
Einen Kilometer aus dem Dorf heraus, unsere Pferde wiehern zum Abschied ihren Geschwistern auf der Weide zu. Dann beginnt der Wald, ein schöner alter unberührter Buchenwald. Der Regen trieft, die Zweige über dem Weg streifen ihr Wasser an unseren Hosen ab. Tom ("Nichts wird mich jemand auf so ein Tier bringen!") sitzt tatsächlich zum ersten Mal im Leben auf einem Pferd; bei mir reichen bescheidene Reiterfahrungen, um die gutmütigen Vierbeiner nach Westernmanier auf Kurs zu halten.
Der Regen hält an, Stunde um Stunde, als wollten sich die Berge für mein zögerndes Trinkgebaren rächen. Wir steigen ununterbrochen steil an auf schmalen Pfaden. Einige Male müssen wir absitzen und die Pferde ohne Last von Hand über schwieriges Gelände führen. Der Boden ist völlig durchweicht, auch am Steilhang, ein einziger schmierig-lehmiger, knöcheltiefer Matsch. Selbst die Vierbeiner rutschen bisweilen und müssen mit der Hinterhand nachfassen.
Höher kommen wir, Wald und Regen wollen nicht enden. Der Höhenmesser zeigt 1800 Meter, als wir einen steilen, schmalen Grat passieren. Unser Trupp ist weit auseinandergezogen, Tom und Heiner vor mir von der Kuppe verborgen, Pawel weit voraus. "Reiten oder absteigen?" ruft Tom. - "Es geht schon!" kommt die Antwort von vorn. Dann höre ich ein dumpfes Geräusch und einen halb unterdrückten Schreckenslaut vor mir, ein Rumpeln, dann völlige Stille. Ich überlege, ob etwas passiert sein kann, da sehe ich von oben Pawel in eiligster Gangart abwärts stürmen. Es dauert einige Zeit, bis ich auf dem schmalen Grat auf glitschigem Grund absitzen kann und erkenne, wie Tom zehn Meter tiefer unter seinem Pferd hervorgezogen wird, das von einem Baumstamm aufgehalten reglos auf dem Rücken liegt. Das Pferd erweist sich, nachdem es mit vereinten Kräften gewendet wird, als unverletzt und beginnt zu grasen, während Tom aschfahl und reglos am Hang liegt und nichts sagen kann, als "Oh Gott, was für Schmerzen, meine Schulter ist kaputt". Soll ich ihn untersuchen, Parka und Pullover ausziehen? Tom erträgt keine Berührung, sein Puls rast, er ist vor Schmerzen kurz vor der Ohnmacht. "Kriegst Du Luft?" - "Ja, aber schwer." Hoffentlich ist seine Lunge nicht angespießt von einem Rippenbruch!
Unser Kriegsrat dauert keine 30 Sekunden, wir müssen sofort abwärts. Und zwar schnellstens, um nicht ins Dunkle zu kommen, aber trotzdem ohne Hetze für den Verletzten. Zwei Männer nehmen alle Pferde und Gepäck, Tom und ich müssen es zu Fuß probieren - er könnte sich jetzt unmöglich auf dem Pferd halten. Ein paar Schmerztabletten habe ich dabei, nicht stark genug für diesen Fall, und die gilt es einzuteilen: "Ist Dein Magen o.k.?" - "Ja." Also fünf Tabletten auf einen Schlag, dann alle 30 Minuten eine zum Nachlegen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, wie sich zeigt.
Wie ein Scheintoter tappt er die endlosen glatten Hänge herunter, nicht im Stande, zu sichern, zig mal ausrutschend, keine schmerzlose Ruhehaltung möglich, jede Erschütterung ein Stöhnen. Ich versuche zu sekundieren, indem ich ihm den Weg vorangehe, den Höhenmesser ablese und alle 15 Minuten verkünde: "Schon wieder 100 Meter tiefer!" So geht es 1800, 1700, 1600 Meter und so weiter, drei qualvolle Stunden lang, bis die Wegstrecke sich abflacht und Tom es doch noch schafft, für den letzten Rest bis zum Dorf aufzusitzen.
Großes Palaver und quälende Zeit vergeht, bis ein Auto organisiert ist, doch Gottseidank sind es nur fünf Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus. Aufnahme und Röntgen brauchen auch ihre Zeit, danach ist klar, dass die Lunge nichts abbekommen hat. Die Schulter ist ausgekugelt und dazu drei Rippenbrüche. Inzwischen ist es Nacht, der Anästhesist muss aus seiner Wohnung geholt werden. Endlich die erlösende Narkose, Einrenkung des Schultergelenks mit 5 Personen, und Tom erwacht mit den Worten: "Alles vorbei? Oh Gott, ist das schön!" Den Arm in der Schlinge, zu keiner körperlichen Aktion im Stande bleibt uns nichts als der Rückweg nach Tiflis. So vorsichtig Heiner seinen Allradwagen auch lenkt, ununterbrochen quälen die Schlaglöcher der Verletzten. Doch Tom ist zäh, und sein Mut ist im Steigen.
Wenige Tage später brechen wir auf zu einer Ersatztour, um einige Gipfel des Kaukasus wenigstens vom Auto aus zu erspähen. Eine Tagestour, immer nach Norden, zum Fuß des Kasbeki , dessen Gipfel gut 5000 Meter misst. Tom hält - äußerst schweigsam - die stundenlangen Buckelpisten aus.
Wieder liegen dräuende Wolken über dem Zentralkamm. Über dem Pass beginnt es zu regnen. Wir sind kurz vor der russischen Grenze. - Wir stoppen, besichtigen eine wunderschön gelegene, von Mönchen unterhaltene Bergkirche und speisen danach ausgiebig nach Landesart. Dann wieder zurück, durch die Gipfel schlängelnd, unter Wolken und Regen. Ich finde weiter alle paar Meter ein Photomotiv und ordere "Stopp!", bis es dem gequälten Kranken zu viel wird und er verlangt "Das war das letzte Mal!" - "O.k. Tom, bald wird es dunkel, und ich verspreche Dir, keinen Blitz zu benutzen, aber bis dahin ..." Doch dem Kranken zuliebe bricht die Dunkelheit früher herein, und die Kamera hat Pause. Zum Schluss ist noch ein Tag übrig, den ich mit Heiner als Fahrer für eine Privattour nutze, während Tom sich endlich mal ausruht. Wir fahren ins Hügelland und durchstreifen Waldgebiete auf der Suche nach interessanten Pflanzen. - Zu Hause pflege ich eine Sammlung von 300 Pflanzen und Bonsais, die ich bei jeder Reise um ein paar typische Vertreter des Gastlandes bereichern möchte. - Wir finden ein paar hübsche Jungpflanzen von landestypischen Gehölzen, Eichen und Ahornen. Viel Schweiß muss fließen, bis die auserkorenen Exemplare geborgen sind. Schließlich der letzte Abend, Stör essen und Wein trinken, die Nacht dauert nur 3 Stunden, dann ab zum Flughafen, um morgens um Neun wieder in Köln zu sein. Welch eine Woche in einem wunderschönen alten Land mit gastfreundlichen Bewohnern liegt hinter uns, und was haben wir alles mitgebracht! Unvergessliche Eindrücke und unvergessliche Schmerzen, 1200 Bilder und der feste Plan, alles Verpasste baldigst nachzuholen!
Wilhelm Siepe
