Schafabtrieb in Tuschetien: Mit den Hirten durch den Kaukasus

Eine riesige Schafherde überquert das felsige Flussbett des Alazani in den Bergen. Foto: Heiner Buhr

In einer Welt, die sich immer schneller dreht, hat im Großen Kaukasus ein uralter Rhythmus überdauert. Zweimal im Jahr begeben sich die Hirten von Tuschetien auf eine Reise, die zu den letzten großen Wanderbewegungen der Erde zählt – die saisonale Wanderweidewirtschaft, auch Transhumanz genannt.

Es ist ein Schauspiel aus Staub, Licht und tausenden Tieren. Sobald die ersten Herbststürme die hohen Gipfel mit Puderzucker bestäuben, beginnt in den Bergen eine unsichtbare Uhr zu ticken. Zehntausende Schafe, Pferde und Rinder verlassen die saftigen Hochweiden und treten ihren beschwerlichen Abstieg in die warmen Steppen von Kachetien an.

Luftaufnahme der Serpentinenstraße am Abano-Pass im Großen Kaukasus. Foto: Heiner Buhr
Das Tor nach Tuschetien: Die spektakuläre Passstraße auf 2.826 Metern. Foto: Heiner Buhr

Dies ist keine Inszenierung für Touristen. Es ist der große Schafabtrieb – eine logistische Meisterleistung und ein Zeugnis für die Kraft der georgischen Tradition. Seit über 30 Jahren begleite ich diesen Weg, und jedes Jahr aufs Neue raubt mir die schiere Dimension dieser Wanderung den Atem.

Der Rhythmus der Berge: Über den Abano-Pass

Das Herzstück der Reise ist der legendäre Abano-Pass. Auf 2.826 Metern ist er das einzige Nadelöhr nach Tuschetien. Hier wird der Pfad zu einem schmalen Band, das sich schwindelerregend an den steilen Hängen entlangwindet.

Tausende Schafe ziehen in einer langen Linie an einem steilen Berghang und Ruinen des Dorfes Saro vorbei.
Ein endloser Strom aus Wolle: Die Herde passiert uralte Ruinenreste des Dorfes Saro.

Man sieht den Zug der Herden nicht nur – man hört ihn. Das ferne Blöken der Schafe, die kurzen Pfiffe der Männer und das tiefe Bellen der kaukasischen Schäferhunde, das von den Felswänden widerhallt. Wenn sich die Tiere wie ein endloser, fließender Strom kilometerweit am Hang entlangziehen, spürt man die archaische Verbindung zwischen Mensch, Tier und Natur.

Eine riesige Schafherde überquert das felsige Flussbett des Alazani in den Bergen. Foto: Heiner Buhr
Logistische Meisterleistung: Die Überquerung des Alazani-Flussbetts. Foto: Heiner Buhr

Die Wächter der Herde

Kein Hirte würde diese Überquerung ohne seine Hunde wagen. Der Kaukasische Schäferhund – der Nagasi – ist eine Legende. Diese treuen und furchtlosen Wächter sorgen dafür, dass die Herde auf den gefährlichen Pfaden zusammenbleibt und Raubtiere keine Chance haben.

Der Einheimische Zaza hält behutsam einen kleinen kaukasischen Schäferhund-Welpen. Foto: Trix Zürcher
Die nächste Generation: Zaza mit einem jungen Nagazi-Welpen. Foto: Trix Zürcher

Einen jungen Welpen zu sehen, der behutsam über einen reißenden Fluss getragen wird, zeigt uns: Diese Tradition lebt weiter, von einer Generation zur nächsten.

Warum wir diesen Weg noch immer gehen

In einer Zeit von GPS und digitaler Vernetzung wirkt dieser Treck wie ein Relikt aus einer anderen Ära. Doch manche Landschaften lassen sich nicht von Maschinen zähmen. Der Viehtrieb in Tuschetien ist eine Erfahrung, die alle Sinne fordert: der Staub in der Lunge, die wohlige Wärme des Lagerfeuers in der kalten Nacht und die tiefe Stille der verlassenen Bergdörfer.

Rückansicht eines Hirten, der in einer dichten Staubwolke hinter seiner Herde wandert.
Staub und Ehre: Ein Hirte im harten Alltag der Transhumanz im Kaukasus.

Für Fotografen und Individualreisende ist dies mehr als nur ein Urlaub. Es ist eine dokumentarische Expedition in ein lebendiges Erbe, das in dieser Form weltweit fast verschwunden ist.


Werden Sie Teil der Herde

Im Oktober 2026 bieten wir wieder die Möglichkeit, dieses Abenteuer hautnah zu erleben. Dies ist keine klassische Trekkingtour mit festem Programm – es ist ein echtes Stück Kaukasus von Kaukasus-Reisen.

Alle Details zur Expedition finden Sie hier: 👉 Schafabtrieb Tuschetien

Autor: Heiner